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Erlebnisbericht: 3 Nächte im Amazonas-Dschungel ohne Strom

Unser Ecuador-Experiment:
3 Nächte im Amazonas Dschungel

Ecuador / 2019

Wir wollen unsere Grenzen testen und jegliche Komfortzone verlassen: Für 3 Tage haben wir uns 70 km tief in den Amazonas-Dschungel Ecuadors zurück-gezogen. Ohne Strom, ohne Netz, ohne Warmwasser. Nur Kerzen, Feuer und Taschenlampe. So zumindest unser Plan …

Raus aus der Komfortzone –
rein in die dichte Wildnis

01 / Unser Plan

Komfort, Sicherheit, Sauberkeit, schnelles Internet oder ständige Erreichbarkeit … sind einige wenige Punkte unseres hohen Lebensniveaus, das jeder Einzelne von uns in Europa und der westlichen Welt für fast selbstverständlich hält. Doch ist uns wirklich bewusst, dass wir haben, was wir haben? Und wie fühlt es sich an, diese Komfortzone zu verlassen und persönliche Grenzen auszuloten?



Diesen Fragen wollen wir auf den Grund gehen. Während der Planung unserer Reise nach Ecuador haben wir von der Möglichkeit erfahren, mitten im ecuadorianischen Amazonasgebiet übernachten zu können. Ohne Strom, ohne Internet, ohne Telefon, ohne Warmwasser, ohne Klospülung. Nur eine Holzhütte mit Strohdach, Bett aus Bambusstelzen, Kerzenlicht, Lagerfeuer – und einer Taschenlampe. Klingt genau nach dem, was wir suchen – also buchen wir gleich drei Nächte.


Ankunft im Amazonas-Dschungel –
ein tolles Erlebnis (bei Tag)

02 / Anreise & Ankunft

Abfahrt in Tena

Der Amazonas-Regenwald breitet sich am Fuße der östlichen Andenkette aus und erstreckt sich nach Westen über einen Großteil Brasiliens. Es ist der weltweit größte tropische Regenwald und berühmt für seine Artenvielfalt. Mitten hindurch führt der Amazonas, der aus unzähligen Flüssen gespeist wird. Einer von ihnen ist der 950 Kilometer lange Rio Napo – unser Ziel.

In Tena, am östlichen Ende der ecuadorianischen Anden, organisieren wir uns einen privaten Fahrer. Mit ihm lassen wir die letzte größere Stadt diesseits des Dschungels hinter uns. Die nächsten 90 Minuten führen uns über eine asphaltierte Straße Richtung Osten, vorbei an immer kleiner werdenden Dörfern. Die Vegetation wird zunehmend grüner, dichter, undurchdringlicher. Das Klima immer tropisch heißer und feuchter. Irgendwann endet der Asphalt und wechselt gegen eine Schotterpiste mit tiefen Schlaglöchern und dicken Pfützen. Wie eine braune Schlange zieht sich der enge Weg vor uns durch das grüne Dickicht. Wo will der gute Mann mit uns hin? Sind wir noch richtig? Vereinzelt kommen uns noch Einheimische zu Fuß entgegen – kaum vorzustellen, dass hier draußen noch jemand wohnt.

Nach zwei Stunden endet der Weg an einem braunen Fluss. Wir steigen aus und werden direkt von den ersten hungrigen Mücken begrüßt – willkommen in den Tropen. Auf Spanisch, das wir leider kaum sprechen, versucht uns der Fahrer zu erklären, dass wir noch etwas warten müssen ehe das Boot zur Weiterfahrt den Anleger erreicht. Von „Anleger“ kann nicht die Rede sein, er meint sicherlich die matschige Sandbank unten am Wasser. Etwa 30 Minuten später wuchten wir unser Gepäck in das schmale, motorisierte Kanu und fahren mit ihm weiter flussabwärts. Rechts und links blitzen immer mal wieder kleine Hütten auf, hier und dort wäscht eine Frau ihre Kleider im braunen Fluss – ansonsten gibt es keine Zeichen von Zivilisation. Ein Handynetz haben wir schon seit einigen Minuten nicht mehr.

Irgendwo im Nirgendwo

Schließlich erreichen wir unser Ziel. Wir klettern an Land, werden an einer kleinen, einfachen Rezeption in Empfang genommen und bekommen unsere sehr einfache Hütte zugewiesen. Es ist eine geräumige Holzhütte auf Stelzen, an der Decke ein grobmaschiges Gitter, durch das keine Affen, wohl aber jedes Insekt passt. An den Fenstern gibt es keine Scheiben, sondern nur Mückennetze – mit Löchern. Moskitonetze über dem Bett? Fehlanzeige. Die Bettwäsche ist bereits feucht, und – ach ja – unsere Sachen in den Rücksäcken sind ebenfalls klamm; von uns selbst ganz zu schweigen. Ansonsten gibt es nur zwei Kerzen im Schlafzimmer und eine im Bad, sowie eine Packung Streichhölzer. Gar nicht so leicht, bei der hohen Luftfeuchtigkeit Streichhölzer zu entzünden …

Alles wie erwartet – und noch besser!

Mit zwei eiskalten Bieren setzen wir uns den Fluss. Unsere Augen finden keinen Halt, alles ist eine riesige, blendende Fülle aus saftig-grünem Dickicht. Abgesehen von etwas Zirpen, Rascheln und Zwitschern ist es erstaunlich still. Keine Geräusche von Flugzeugen, Fahrzeugen oder sonstigen Zeugnissen der Zivilisation. So ähnlich haben wir uns den Besuch vorgestellt! Für die nächsten beiden Tage planen wir eine umfangreiche Wanderung durch den Dschungel mit einem einheimischen Guide, um so einen tiefen Einblick in Flora und Fauna zu bekommen. Die Vorfreude ist riesig!

Zuhause bei Insekten, Reptilien und Amphibien

03 / Flora, Fauna & Sicherheit

Der Regenwald im Amazonastiefland erinnert uns stark an die Nebelwälder in Costa Rica. Stellenweise hängt leichter Nebel in den Baumwipfeln, doch ist das Grün noch undurchdringlicher – fast schon menschenfeindlich. Eine einzige, grüne Wand, in denen die perfekt getarnten Tiere erst bei genauem Hinsehen entdeckt werden können. Das Angebot an Insekten, Reptilien und Amphibien ist riesig: Schmetterlinge, Motten, Mücken (natürlich), Käfer, Lurche, Frösche (Giftpfeilfrosch), Vögel (vor allem Papageien, Kolibri, Tucane), Affen, Spinnen (inklusive Taranteln), Schildkröten, Schlangen (sogar eine Anakonda im Wasser haben wir gesehen), Kaimane oder Faultiere.

Erleichtert sind wir als man uns versichert, dass es in diesem Bereich des Dschungels keine giftigen oder gar tödlichen Tiere gibt. Wohl aber sollen wir sehr vorsichtig sein, denn das Gift einiger Tiere kann mäßige bis schwere Schockreaktionen oder Lähmungen hervorrufen. Ganz besondere Vorsicht gilt den Riesenameisen (Bullet Ants), dessen Gift schwere Schmerzen verursacht und den Körper bis zu 24 Stunden halbseitig lähmen kann. Wir passen also sehr auf und nutzen Insekten-Repellent, so gut es geht.

Wenn der Dschungel die Kontrolle übernimmt (bei Nacht)

04 / Die erste Nacht

Einbruch der Dämmerung

Wir genießen all diese Eindrücke in vollen Zügen – solange wir noch sehen können, was sich vor unseren Augen abspielt. Doch das wird sich bald ändern. Gegen 18 Uhr setzt die Dämmerung ein, und die untergehende Sonne taucht den Dschungel in ein warmes Rot. So schnell wie die Sonne hier am Äquator versinkt, so schnell erwacht der Dschungel ganz plötzlich zum Leben. Aus jeder Ecke des Dickichts kommen immer mehr Tiere zum Vorschein, als wir für möglich gehalten haben. Die Lautstärke nimmt immens zu; es ist, als hätte jemand den Verstärker aufgedreht! Sehen können wir jetzt nur noch das Dutzend Äffchen, das über unseren Köpfen durch die Äste tollt.

Bei Kerzenschein (denn mehr Licht gibt es ja nicht), bekommen wir ein kleines Abendessen von lokaler Küche serviert. Wir sehen nur wenig, aber es schmeckt gut, auch wenn wir daheim lieber das Licht angeschaltet hätten. Schon während des Essens spüren wir, wie sich unsere Sinne schärfen. Weil wir kaum etwas sehen können, konzentrieren wir uns verstärkt auf das, was wir hören: jede Menge fremde Geräusche, mal weiter entfernt, und mal ganz dicht hinter uns. Der Schein der Kerze gewährt uns Schutz – doch es hat den Eindruck, als würde der Dschungel nur zwei Meter hinter uns stehen und darauf warten, bis das Licht erlischt.

Wir wechseln nach dem Dinner zum Lagerfeuer in der Nähe und lassen den Tag bei einem weiteren kühlen Bier abklingen, als sich unter Rebeccas Bank eine handtellergroße Spinne hinzugesellt. Keine 30 Zentimeter von ihrem Fuß entfernt schauen uns zwei schwarze Augen direkt an. Niemand von uns Dreien mag sich bewegen, nur unser Puls beschleunigt. Um uns herum schwirren die Mücken, krabbeln Käfer, fliegen uns Motten um die Ohren. Wieder scheinen alle darauf zu warten, bis das Licht erlischt.

Rückzug in die Hütte

Schließlich entscheiden wir uns zum Rückzug in die Hütte, in der Hoffnung, hier etwas Abstand zu gewinnen. Doch Fehlanzeige. Kaum angekommen, entdecken wir eine Maus auf dem Kopfteil unseres Bettes, sowie eine weitere große Spinne. Die Maus lässt sich mit Hilfe noch vertreiben, ebenso wie die Spinne. Doch den Insekten, die den Weg durch das löchrige Netz finden, sind wir ausgeliefert.

Da müssen wir jetzt durch! Irgendwann legen wir uns auf die feuchten Laken, atmen tief durch – und blasen die beiden Kerzen zur Nachtruhe aus. Finsternis. Absolute Schwärze. Nichts zu sehen. Doch zu hören gibt es reichlich! Es summt, es raschelt, es kratzt. Direkt vor den Fenstern, vor der Tür und auf dem Strohdach. Zwei Glühwürmchen brausen oben an der Decke durch unsere Hütte, schon seit Kindheitstagen haben wir sowas nicht mehr gesehen.

Hendrik schläft zügig ein, schließlich war der Tag anstrengend, und die Hitze macht es uns auch nicht leicht. Rebecca hingegen macht kaum ein Auge zu, liegt steif auf dem Rücken, umklammert die ausgeschaltete Taschenlampe. Es vergehen zwei Stunden, als wir beide mit einem lauten Rumms aus dem (Dämmer-)Schlaf gerissen werden. Wir sitzen senkrecht, das Herz schlägt bis zum Hals. Wie sich erst am nächsten Morgen herausstellt, hat irgendein Tier die Flasche Insektenspray vom Tisch vor der Hütte gestoßen. Rebecca kann nicht mehr und will sofort abbrechen. Jeder Versuch, sie zu beruhigen, scheitert, also schalten wir das Handy ein und hoffen auf ein Signal. Doch es gibt keines.

Der Erfolg unserer Niederlage

05 / Abbruch & Einsicht

Durchhalten bis zum Morgen

Uns bleibt nichts anderes übrig, als die Nacht abzuwarten. Die nächsten Stunden vergehen weiterhin mit einem Rascheln im Dickicht vor unserer Tür, mit kleinem und großen Flügelschlagen oder Kribbeln im Bett, das der nächste kleine Käfer verursacht. Irgendwann gegen 6 Uhr morgens beginnt die Dämmerung, es naht die Erleichterung. Wir haben beide kaum geschlafen und sind völlig gerädert.

Noch einmal besprechen wir uns, wie es jetzt weitergeht. Ziehen wir die drei Tage nun durch? Aber es geht nicht, wir entscheiden einstimmig, an dieser Stelle das „Experiment“ abzubrechen. Der Ekelfaktor und die Angst vor dem Ungewissen in der Dunkelheit ist stärker als unser Wille, das Projekt durchzustehen.

Hendrik stapft durch den Morgennebel durch den Matsch hinunter zum Fluss und hofft, dort ein Signal zu bekommen. Und wir haben Glück: Per SMS gelingt es uns, eine Nachricht an die Notfall-Nummer zu senden: „Wir möchten heute abgeholt werden.“ Aufgrund der Entfernungen wird das frühestens gegen 13 Uhr passieren können, wir müssen also den Vormittag noch aushalten.

Wir haben verstanden!

Kaum ist das geklärt, legt sich die Aufregung schnell. Nicht nur, weil wir jetzt die Abreise geregelt haben, sondern weil nach Rückkehr des Tageslichts alles wieder normal scheint: Die Lautstärke ist wieder heruntergefahren, und wir können wieder sehen, was sich vor unseren Augen abspielt. Plötzlich ist der Dschungel wieder eine tolle Erfahrung. Aber: Die Entscheidung ist gefallen.

Als wir am Nachmittag im Auto auf dem Weg nach Tena sitzen und wieder Asphalt unter den Reifen spüren, ist die Erleichterung groß.

Wir haben verstanden, dass Menschen unserer Breitengrade nicht dazu gemacht sind, um in der wildesten Natur zu leben. Es gibt andere Berichte von Gästen, die mit viel Freude im Dschungel übernachtet haben – wir gehören nicht dazu. 

Aus extremen Situationen geht man in der Regel gestärkt hervor – wir haben diese extreme Situation leider nicht gemeistert, sondern unsere persönliche Grenze erreicht. Doch diese Niederlage ist ein Erfolg, schließlich sind wir um eine wertvolle Erfahrung reicher. Und wir haben uns in Erinnerung gerufen, wie gut es uns zuhause in Deutschland geht.

Unsere Route

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Monika /

hallo ihr zwei,
ich bin überwältigt von eurem mut, so etwas überhaupt geplant zu haben und die nacht unbeschadet überstanden habt.
ihr habt meine große hochachtung.
ganz liebe grüße von monika.

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© 2019 Hendrik Breuer & Rebecca Breuer